Verhüllte Gesichter oder offene Gesellschaft?

Die Debatte in der politischen Sommerpause wurde dieses Jahr vor allem von einem Thema dominiert: Der Diskussion um ein Verbot der Vollverschleierung. Sei es nun Burka oder Niqab – viele Menschen in unserem Land befremdet es, wenn sie in den Fußgängerzonen von Städten wie etwa Heidelberg immer häufiger voll verschleierte Frauen sehen. Auch ich sehe diese Entwicklung mit großer Sorge.

Wer sein Gesicht verbirgt, der schließt sich selbst von der offenen Kommunikation mit seinen Mitmenschen aus. Kann eine freie, offene Unterhaltung auf Augenhöhe stattfinden, wenn man einander nicht einmal ins Gesicht schauen kann? Ich jedenfalls kann mir das nur schwerlich vorstellen. Abgesehen davon entspringt die Vollverschleierung einem Gesellschaftsbild, wonach das Gesicht einer Frau vor anderen Menschen versteckt werden muss und nur von ihrem Mann und ihrer Familie gesehen werden darf. Für dieses Menschen- und Gesellschaftsbild ist aber nach meinem Dafürhalten in unserem Land kein Raum. In Deutschland ist eine Frau nicht „Zubehör“ ihres Mannes, sondern gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft.

Wenn nun ausgerechnet Grüne, SPD und Linke dafür kämpfen, dass die Gleichberechtigung der Frau im Namen der Religionsfreiheit quasi durch die Hintertür ausgehebelt werden soll, so wundert mich das. Wäre das etwa 1968 vorstellbar gewesen, dass die SPD für die Verschleierung der Frauen kämpft? Für mich ist klar: Die Religionsfreiheit ist eine der zentralen Errungenschaften der Aufklärung und wesentlicher Bestandteil unserer Werteordnung. Klar ist für mich aber ebenfalls: Auch die Religionsfreiheit gilt nicht unbeschränkt. Wessen Religion etwa vorschreibt, dass die eigenen Kinder ausschlißelich zuhause von den eigenen Eltern unterrichtet werden, der kann diesen Teil seiner Religion eben in Deutschland nicht ausleben. Und wessen Religion vorschreibt, dass Frauen ihr Gesicht komplett verhüllen müssen, der soll diesen Teil seiner Religion nach meiner Meinung in Deutschland auch nicht ausleben dürfen.

In anderen europäischen Ländern wie etwa Frankreich, den Niederlanden oder in Teilen der Schweiz gibt es ein entsprechendes Verbot bereits. Das französische Verbot wurde 2014 sogar vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bestätigt. Ich finde, wir sollten zügig prüfen, wie auch wir eine entsprechende gesetzliche Regelung treffen können, die im Einklang mit unserem Grundgesetz steht.

Manche mögen sagen, es handle sich angesichts nur weniger Hundert Fälle in Deutschland um bloße Symbolpolitik. Ich sage dazu: Ja, es handelt sich um ein Symbol, und zwar um ein sehr wichtiges. Unsere freiheitliche Kultur gilt für alle in Deutschland und steht über mitgebrachten kulturellen Traditionen. Gerade weil wir in Deutschland so freiheitlich und tolerant sind, möchte ich in unserem Land keine verhüllten Gesichter. Ich will offene Gesichter und eine offene Gesellschaft.

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